Nutzung von KI KI verändert Deutschland – aber nicht alle gleich

Quelle: Pressemitteilung Sinus Markt- und Sozialforschung 6 min Lesedauer

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Künstliche Intelligenz wird von einer breiten Mehrheit der Bevölkerung als Schlüsseltechnologie der kommenden Jahre wahrgenommen, doch sie verändert die Gesellschaft auf unterschiedliche Weise. Eine Sinus-Studie zum Umgang mit KI legt fünf unterschiedliche Reaktionen auf dieselbe Technologie offen.

Ist KI eine Bedrohung für mich oder eine Chance für meine eigene Weiterentwicklung? Die Sinus-Milieus zeigen, wer wie mit KI umgeht.(Bild:  frei lizenziert / mazkovadim.com / Pexels)
Ist KI eine Bedrohung für mich oder eine Chance für meine eigene Weiterentwicklung? Die Sinus-Milieus zeigen, wer wie mit KI umgeht.
(Bild: frei lizenziert / mazkovadim.com / Pexels)

Wie Studien des Sinus-Instituts zeigen: KI ist bereits Teil des Alltags, 83 Prozent der Bevölkerung nutzen entsprechende Anwendungen. Trotz dieser Verbreitung bleibt das Vertrauen in KI aber (noch) gering; drei Viertel der Deutschen (74 Prozent) erkennen erhebliche Datenschutz- und Sicherheitsrisiken.

Doch was macht die Nutzung von KI mit der Gesellschaft? Die Sinus-Forschung zeigt: Die KI-Dynamik trifft nicht alle Menschen gleichermaßen. Unterschiedliche Lebens- und Wertewelten nehmen KI verschieden wahr, interpretieren ihre Potenziale unterschiedlich und bringen teils kontrastierende Erwartungen und Befürchtungen zum Ausdruck. Es ist deshalb unumgänglich, nicht allein die Technologie zu betrachten, sondern auch die sozialen Voraussetzungen, Resonanzräume und Spannungsfelder.

Künstliche Intelligenz trifft auf Alltagswelten

Was KI mit den Menschen und der Gesellschaft macht, lässt sich nicht abstrakt-technologisch beantworten, sondern nur mit Blick auf die sozialen Kontexte, in denen Menschen leben, denken und handeln. „Denn die Bedeutung von KI entsteht nicht im Rechenzentrum sondern im Alltag, in den Einstellungen und Erfahrungen der Menschen“, sagt Tim Gensheimer, Senior Research & Consulting am Sinus-Institut und Leiter der Sinus-Akademie.

Wie tiefgreifend Künstliche Intelligenz die Gesellschaft verändern wird, wird sich noch entscheiden. Bereits heute zeigt die Milieuforschung des Sinus-Instituts deutliche Unterschiede in der Wahrnehmung, Akzeptanz und Nutzung von KI – ein Hinweis darauf, dass auch diese Transformation gesellschaftlich höchst unterschiedlich verarbeitet werden wird.

Alter erklärt den Einstieg zu KI, Milieus den Zugang und Umgang

Auf den ersten Blick scheint die Entwicklung eindeutig zu sein: Junge Menschen verfügen über deutlich mehr KI-Kenntnisse als ältere Generationen. So geben aktuell 79 Prozent der 18- bis 29-Jährigen an, sich gut mit KI auszukennen; bei den 60- bis 74-Jährigen sind es 50 Prozent. Auch die KI-Nutzung folgt zunächst diesem Muster.

Doch diese Unterschiede erklären nur einen Teil der Realität. Innerhalb der gleichen Altersgruppen zeigen sich erhebliche Unterschiede, die sich weder durch Bildung noch durch Geschlecht erklären lassen. Entscheidend ist vielmehr die soziokulturelle Wertorientierung der Menschen – ihre Werte, Lebensziele und ihre Haltung gegenüber Neuentwicklungen und Veränderung.

Mit KI kennen sich laut Umfrage 61 Prozent der Deutschen gut aus.  Basis: n = 1.074 (alle Befragten), Befragungszeitraum: 20.-26.05.2026 (Bild:  Sinus-Institut)
Mit KI kennen sich laut Umfrage 61 Prozent der Deutschen gut aus. Basis: n = 1.074 (alle Befragten), Befragungszeitraum: 20.-26.05.2026
(Bild: Sinus-Institut)

Das heißt konkret: Menschen nutzen KI nicht allein deshalb unterschiedlich, weil sie jung oder alt sind. Sie nutzen sie unterschiedlich, weil sie unterschiedliche Vorstellungen von Fortschritt, Sicherheit, Verantwortung, Leistung oder Selbstverwirklichung haben. Genau diese Wertemuster entscheiden darüber, ob KI als Chance, als Werkzeug, als Risiko oder als Bedrohung erlebt wird.

Das Gesellschaftsmodell der Sinus-Milieus ist Ergebnis der langjährigen Wertewandelforschung des Sinus-Instituts. Wie auf einer „Landkarte der Gesellschaft“ fassen die Sinus-Milieus Menschen mit ähnlichen Werten und einer vergleichbaren sozialen Lage zu zehn „Gruppen Gleichgesinnter“ zusammen.

Die Sinus-Milieus erklären nicht nur, „wer“ KI nutzt, sondern „warum“ Menschen KI begrüßen, skeptisch betrachten oder bewusst meiden. Während das Alter vor allem die Wahrscheinlichkeit des Erstkontakts beschreibt, erklärt die Milieuzugehörigkeit die Wahrnehmung und den Umgang mit KI.

KI-Kultur in Deutschland: Fünf unterschiedliche Reaktionen auf dieselbe Technologie

Die Sinus-Forschung zu KI zeigt, dass sich fünf grundlegende Muster in Deutschland herausbilden.

  • 1. Innovationsführer: Die soziokulturell modernen Milieus der Expeditiven, Performer und Neo-Ökologischen betrachten KI vor allem als Werkzeug zur Erweiterung der eigenen Möglichkeiten. Sie verfügen über die höchsten Wissensstände und nutzen KI selbstverständlich im Alltag. Für diese Milieus steht weniger die Frage im Vordergrund, „ob“ KI eingesetzt werden sollte, sondern „wie“. Die Technologie wird vor allem als Chance verstanden, die Produktivität, Kreativität und persönliche Autonomie zu erhöhen. Diese Gruppen übernehmen damit dieselbe Rolle, die sie bereits bei Internet, Smartphones oder digitalen Plattformen innehatten: Sie sind gesellschaftliche „Early Adopters“.
  • 2. Die reflektierten Wissensführer: Besonders bemerkenswert ist die Entwicklung im Postmateriellen Milieu. Bisher gehörte dieses ökologisch und sozial orientierte Milieu nie zu den Vorreitern technischer Innovationen. Bei der Nutzung von Smartphones oder sozialen Netzwerken war es deutlich zurückhaltender als andere, doch bei KI zeigt sich ein anderes Bild: Innerhalb von einem Jahr – so das Ergebnis der Befragungsreihe – verzeichnet das Postmaterielle Milieu den stärksten Nutzungszuwachs und erreicht gemeinsam mit den Expeditiven den höchsten Kenntnisstand. Gleichzeitig weist kein anderes Milieu eine vergleichbar große Sorge vor Desinformation sowie einen ähnlich ausgeprägten Wunsch nach staatlicher Regulierung auf. Bei den Postmateriellen zeigt sich deutlich, dass Kenntnis und Wissen keineswegs automatisch zu Technikoptimismus führt. Im Gegenteil – und typisch für dieses Milieu: Gerade wer sich intensiv mit KI beschäftigt, erkennt ihre gesellschaftlichen Chancen ebenso wie ihre Risiken. Das Postmaterielle Milieu steht damit exemplarisch für einen neuen Typs des kritischen KI-Nutzers.
  • 3. Die verantwortungsorientierten Skeptiker: Während die Skepsis der Postmateriellen aus einer kritischen Reflexion gesellschaftlicher Veränderungen und Risiken entsteht, speist sich die skeptische Zurückhaltung des Konservativ-Gehobenen Milieus in seiner Rolle als das klassische Establishment vor allem aus dem Wunsch nach Stabilität, Sicherheit und verantwortungsvoller Steuerung. Beide Milieus fordern Regulierung – jedoch aus unterschiedlichen Motiven. Die Postmateriellen wollen gesellschaftliche Risiken begrenzen und demokratische Werte schützen. Das Konservativ-Gehobene Milieu möchte technischen Fortschritt mit Verantwortung flankieren – also Vertrauen schaffen, Kontrollverlust vermeiden und klare Regeln für einen verantwortbaren Einsatz von KI etablieren.
  • 4. Die pragmatische gesellschaftliche Mitte: Die moderne Mitte der Adaptiv-Pragmatischen zeigt vermutlich am besten, wie sich KI langfristig in Deutschland etablieren wird. Die Angehörigen dieses Milieus gehören weder zu den Technikenthusiasten noch zu den grundsätzlichen Skeptikern. KI wird genutzt, wenn sie einen konkreten praktischen Nutzen im Alltag bietet – Googeln ist anstrengender als ChatGPT, Gemini & Co zu befragen. Technologien werden erst dann zum gesellschaftlichen Standard, wenn sie nicht mehr nur faszinieren, sondern schlicht nützlich sind. Die Adaptiv-Pragmatischen markieren genau diesen Übergang.
  • 5. Die strukturell Benachteiligten: Ganz anders stellt sich die Situation im Prekären sowie teilweise im Traditionellen und Nostalgisch-Bürgerlichen Milieu dar. Wissen und Nutzung von KI steigt zwar allmählich an, der Abstand zu den innovationsorientierten Milieus bleibt jedoch groß. Für die Gruppe der modernisierungsskeptischen Milieus steht weniger die technologische Faszination als vielmehr die Sorge vor Kontrollverlust, Arbeitsplatzverlust oder gesellschaftlicher Benachteiligung im Vordergrund. KI erscheint hier weniger als Chance denn als weiterer Beschleuniger gesellschaftlicher Ungleichheit mit der Folge noch weiter abgehängt zu werden.

Laut Online-Interviews sind 19 Prozent der Deutschen besorgt, dass ihr Job in den nächsten Jahren durch KI ersetzt wird.  Basis: n = 1.074 (alle Befragten), Befragungszeitraum: 20.-26.05.2026 (Bild:  Sinus-Institut)
Laut Online-Interviews sind 19 Prozent der Deutschen besorgt, dass ihr Job in den nächsten Jahren durch KI ersetzt wird. Basis: n = 1.074 (alle Befragten), Befragungszeitraum: 20.-26.05.2026
(Bild: Sinus-Institut)

Sinus-Milieus geben erste Hinweise, was die Zukunft bringt

Klassische demografische Merkmale beschreiben zwar Unterschiede im Umgang mit KI-Tools, deren Ursachen erklären sie jedoch bedingt. Das Alter beeinflusst vor allem den Erstkontakt, die Geschwindigkeit und die Intensität der Aneignung. Bildung erklärt teilweise den Wissensstand, verliert jedoch erheblich an Erklärungskraft, sobald es um Einstellungen, Sorgen oder Optimismus geht.

Besonders deutlich wird dies bei der Angst vor Arbeitsplatzverlust, die sich nahezu unabhängig vom Bildungsniveau zeigt; ein Novum, da bisher Bildung ein Garant für Arbeitsplatzsicherheit war. Die Sorge um den Arbeitsplatz ist erstmals ein Phänomen auch für die Jungen (Gen-Z): Überdurchschnittliche 27% der berufstätigen 18- bis 29-Jährigen sind besorgt, dass ihr Job in den nächsten Jahren durch KI ersetzt wird. Die junge Generation wird sich immer mehr bewusst, wie sehr KI ihre Beschäftigungschancen und damit ihre Zukunftssicherheit trotz guter Bildung gefährdet.

„Gute Bildung war bisher der sicherste Schutz vor Arbeitsplatzverlust. Bei KI gilt das nicht mehr“, sagt Manfred Tautscher, Geschäftsführer des Sinus-Instituts. „Diese Sorge betrifft längst nicht mehr nur einfache Tätigkeiten - sie erreicht die Mitte der Gesellschaft, bis hinein in die gut ausgebildete junge Generation.“

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Die geringsten Sorgen um KI-verursachten Arbeitsplatzverlust macht man sich in den sozial privilegierten Milieus der Postmateriellen und Expeditiven. Am größten sind diese Sorgen bei den strukturell benachteiligten Milieus der Prekären und Nostalgisch-Bürgerlichen.

„Die Milieudifferenzen legen es deshalb nahe, dass es nicht genügt, allein den Zugang zur KI zu verbessern. Ebenso wichtig sind grundlegende Kompetenzvermittlung, niedrigschwellige Bildungsangebote und konkrete Alltagserfahrungen, die Selbstwirksamkeit fördern“, ergänzt Tim Gensheimer.

Was sind Sinus-Milieus?

Die Sinus-Milieus sind ein Gesellschaftsmodell. Sie wurden vor über 40 Jahren entwickelt und fassen Menschen mit ähnlichen Werten und einer vergleichbaren sozialen Lage zu „Gruppen Gleichgesinnter“ zusammen. Die Übergänge zwischen den Milieus sind dabei fließend.

Die Sinus-Modelle sind grafisch alle ähnlich aufgebaut (siehe Abbildungen). In der vertikalen Achse ist jeweils die soziale Lage (von niedrig bis hoch) dargestellt, in der horizontalen Achse die Wertorientierung (von traditionell bis postmodern). Je höher ein Milieu in dieser Grafik angesiedelt ist, desto gehobener sind Bildung, Einkommen und Berufsgruppe; je weiter nach rechts es sich erstreckt, desto moderner im soziokulturellen Sinn ist die Grundorientierung des jeweiligen Milieus.

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