Corona-KriseUnter Tech-Start-ups droht eine Pleitewelle
Von
Jürgen Schreier
6 min Lesedauer
Deutschlands Tech-Start-ups werden von der Corona-Krise heftig gebeutelt. Fast jedes zweite Start-up fürchtet um seine Existenz. Drei Viertel der vom Digitalverband Bitkom befragten Jungunternehmen erwarten eine Pleitewelle unter Start-ups. Kein Wunder, dass die Startup-Politik der Bundesregierung nur mäßige Zensuren bekommt.
Ohne Moos nix los: Das gilt nicht nur für Großkonzerne, sondern auch für Start-ups.
Wie gewonnen, so zerronnen könnte man sagen. Der in den letzten Jahren liebevoll gepäppelten Tech-Start-up-Landschaft in der Bundesrepublik könnte ein Corona-bedingter Kahlschlag bevorstehen. Für zwei Drittel (68 Prozent) der Start-ups hat sich die eigene Situation seit Beginn der Corona-Pandemie verschlechtert. neun von zehn (88 Prozent) sind zudem überzeugt, dass sich die Situation für Start-ups auch allgemein verschlechtert hat. Und drei Viertel (78 Prozent) erwarten eine Pleitewelle unter deutschen Start-ups.
Fast jedes zweite Start-up (47 Prozent) gibt an, dass die Corona-Krise seine Existenz bedroht. Eine erneute harte Lockdown-Situation würden Start-ups, die sich in ihrer Existenz bedroht sehen, nur noch für maximal drei bis vier Monate (14 Wochen) durchhalten. Das ist das Ergebnis einer Umfrage unter 112 Start-ups im Auftrag des Digitalverbands Bitkom, die im Mai und Juni 2020 durchgeführt wurde.
Start-ups sind wichtige Arbeitgeber
„Wir haben in den vergangenen Wochen viel über die Rettung von Konzernen gesprochen. Start-ups sind hierzulande aber inzwischen längst wichtige Arbeitgeber – und sie sind entscheidend für unsere digitale Innovationsfähigkeit“, sagt Bitkom-Präsident Achim Berg. „Es ist uns in den vergangenen Jahren mit vielen Anstrengungen gelungen, Deutschland zu einem Hot-Spot für Technologie-Start-ups zu machen. Diese Arbeit dürfen wir jetzt nicht aufs Spiel setzen.“
Vier von zehn Startups (43 Prozent) beklagen Umsatzrückgänge seit Ausbruch der Corona-Krise, nur 15 Prozent konnten in den vergangenen Monaten ihren Umsatz steigern, was gerade für schnell wachsende junge Unternehmen wichtig wäre. Fast genauso viele (41 Prozent) erleben, dass die Entwicklung ihrer Angebote aktuell nur sehr langsam vorankommt.
In acht Tagen zur eigenen Geschäftsidee
Erfinden statt herumsitzen – Forscher der Uni Hohenheim entwickeln kostenloses Do-it-yourself-Programm „Innov8 Now!“ im Web, das binnen acht Tagen den Unternehmer wecken soll.
„Nutzen Sie jetzt die Zeit! Machen Sie sich Gedanken darüber, wie Innovationen Ihnen und anderen helfen können die Folgen der Krise zu meistern.“ – mit diesem Appell präsentieren Innovationsforscher der Universität Hohenheim in Stuttgart das Projekt „Innov8 Now!“. Dabei handelt es sich um einen kostenloses Acht-Tage-Crashkurs im Internet, der die Innovationsfähigkeit fördert, zu Ideen inspirieren und jedem Menschen helfen soll, corona-bedingte freie Zeit produktiv zu nutzen.
Angesprochen sind einerseits diejenigen, die Veränderungen in ihrem beruflichen Umfeld vornehmen möchten. Das können Unternehmer sein, die mit neuen Ansätzen alte Kunden behalten und neue hinzugewinnen wollen, aber auch Personen, die mit dem Gedanken spielen ein eigenes Business zu gründen. Andererseits soll das Programm auch Menschen ansprechen, die in ihrem privaten Umfeld Neues wagen möchten.
Von der Politik fühlen sich die Startups nicht ausreichend unterstützt. So sagen zwar drei Viertel (75 Prozent) der Befragten, dass die Bundesregierung in der Corona-Krise grundsätzlich die richtigen Entscheidungen getroffen hat. Zugleich beklagen aber auch fast zwei Drittel (63 Prozent), dass die Politik zu wenig unternimmt, um in Not geratene Start-ups zu unterstützen. Die Start-up-Politik der Bundesregierung in der Krise wird im Durchschnitt gerade einmal mit der Schulnote „ausreichend“ (4,2) bewertet. Rund die Hälfte der Befragten (47 Prozent) vergibt die Noten „mangelhaft“ oder „ungenügend“.
Politik hat das Problem mittlerweile erkannt
„Gerade am Anfang der Corona-Krise hatte es den Anschein, dass Start-ups in der politischen Debatte nur eine untergeordnete Rolle spielen. Das hat sich zuletzt geändert, den ersten Ankündigungen sind auch konkrete Pläne und Beschlüsse gefolgt. Jetzt muss es darum gehen, dass die Hilfen auch bei den Startups ankommen“, so Berg.
Das ist umso wichtiger, denn auch auf Seiten der (Venture-)Kapitalgeber hinterlässt die Corona-Krise ihre Spuren. Die ungewissen Auswirkungen der Corona-Pandemie haben den deutschen VC-Markt verunsichert. Das Geschäftsklima ist auf ein Allzeittief abgestürzt. Im 1. Quartal 2020 gibt der Geschäftsklimaindikator des Frühphasensegments der KfW um 72,3 Zähler auf -61,3 Saldenpunkte nach – ein in dieser Größenordnung noch nie da gewesener Einbruch.
Die Bewertungen sowohl der aktuellen Geschäftslage als auch der Geschäftserwartungen durch die VC-Investoren haben sich massiv verschlechtert. Der Indikator für die aktuelle Geschäftslage fällt um -66,6 Zähler auf -52,6 Saldenpunkte, der Indikator für die Geschäftserwartung um -77,9 Zähler auf -69,9 Saldenpunkte.
VC-Szene hält sich bei Neuinvestitionen zurück
Fast alle Klimaindikatoren fallen im 1. Quartal deutlich in den roten Bereich. So hat sich die Stimmung bezüglich Fundraising, Exitmöglichkeiten, Neuinvestitionen und Wertberichtigungen stark verschlechtert. Einzig die Beurteilung der Einstiegsbewertungen – die sich erfahrungsgemäß gegenläufig entwickeln – verbessert sich. Die Zurückhaltung bei Neuinvestitionen ist ein bekanntes Krisenphänomen.
Der Bedarf an VC ist allerdings nicht eingebrochen. Zwar beurteilen die VC-Investoren Höhe und Qualität ihres Dealflows sowie dessen Innovativität schlechter als im Vorquartal, der Rückgang ist aber vergleichsweise moderat. „Die Corona-Krise in Deutschland hat der sehr guten Stimmung auf dem VC-Markt ein jähes Ende bereitet“, stellt Dr. Friederike Köhler-Geib, Chefvolkswirtin der KfW fest. „Die Erfahrung zeigt, dass sich VC-Investoren in Krisen auf die Portfoliopflege konzentrieren und sich vorerst mit Neuinvestitionen zurückhalten. Das drückt aufs Investitionsniveau. Es ist aber gerade jetzt wichtig, die sehr guten Start-ups, die noch auf der Suche nach VC-Investoren sind, nicht im Regen stehen zu lassen. Denn sie werden die kapitalintensive Time-to-Market sonst schwerlich überstehen. Eine Start-up-Generation zu verlieren wäre ein harter Schlag. Das sehr gute Fundraisingklima der vergangenen Jahre sollte eine Überbrückung doch möglich machen.“
Stand: 08.12.2025
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Weiterfinanzierung der Start-ups muss gesichert werden
„Die Nachfrage nach Venture Capital dürfte durch die Pandemie nicht merklich sinken“, ergänzt Ulrike Hinrichs, geschäftsführendes Vorstandsmitglied des Bundesverbandes Deutscher Kapitalbeteiligungsgesellschaften (BVK). “Die Herausforderung wird darin bestehen, die Weiterfinanzierung der Start-ups sowohl in der Breite als auch bei den großen Vorzeige-Startups sicherzustellen. Ansonsten drohen irreparable Schäden am über die letzten Jahre mühsam aufgebauten Startup-Ökosystem."
Ungeachtet der aktuellen Probleme empfiehlt die Warmeling Consulting potenziellen Gründern, ihre Pläne nicht einfach sausen zu lassen. "Wer es mit dem Gründen wirklich ernst meint, sollte keine Ausreden suchen, warum es nicht geht, sondern Lösungen finden“, rät Mike Warmeling, Gründer des Osnabrücker Beratungsunternehmens.
Gründen trotz Krise? Warum nicht!
Ob aktuell der richtige Zeitpunkt für eine Unternehmensgründung ist, hängt allerdings stark vom eigenen Produkt oder der angebotenen Dienstleistung ab, denn nicht alle Branchen sind gleich stark von der Krise betroffen. „Während ich momentan niemandem empfehlen würde, ein Unternehmen in der Gastronomie zu eröffnen, sieht es in anderen Branchen ganz anders aus. Viele Produkte, die online vertrieben werden können, erleben gerade eine hohe Nachfrage. Aber auch digitale Leistungen boomen“, erklärt Mike Warmeling.
In einigen Geschäftszweigen entwickelt sich auch erst durch die Krise ein höherer Bedarf, zum Beispiel bei Programmen für das Arbeiten aus dem Homeoffice oder Online-Diensten für das E-Learning. Letztendlich müssen Gründer also immer die richtige Nische für sich finden.
Ob man in der Krise gründen sollte, hängt aber auch von den eigenen zeitlichen Kapazitäten ab. Insbesondere Angestellten, die in Kurzarbeit gehen mussten, bieten sich an dieser Stelle auch neue Chancen. Die hinzugewonnene Zeit können sie zum Beispiel nutzen, um nebenberuflich ihr eigenes Unternehmen zu gründen, bevor sie ihre Festanstellung aufgeben.
Eine solide Finanzplanung ist (nicht nur in der Krise) das A&O
In wirtschaftlich unsicheren Zeiten kommt es mehr denn je auf eine solide Finanzplanung an. Dabei sollten Gründer unbedingt auch das Worst-Case-Szenario durchspielen, um auf etwaige Schwierigkeiten vorbereitet zu sein. „Krisen sorgen bei vielen Menschen dafür, dass sie sich Gedanken darüber machen, was sie wirklich im Leben erreichen wollen. Wer nun bemerkt, dass er in seinem Angestelltenverhältnis schon lange unglücklich ist, sollte tätig werden und sich neue Perspektiven für seine Zukunft überlegen“, empfiehlt Mike Warmeling abschließend.