Der digitale Nachholbedarf in deutschen Städten und Gemeinden ist enorm. Das zeigt der "Smart City Readiness Check“ des Innovators Club des Deutschen Städte- und Gemeindebundes und des TÜV Rheinland. Zwischen den Erwartungen der Einwohner und den digitalen Angeboten der Kommunen gibt es große Diskrepanzen.
Im Bereich des ÖPNV fehlt immer noch in fast jeder zweiten Stadt oder Gemeinde eine E-Ticketing-Möglichkeit. Ähnlich sieht es bei der Bereitstellung von Fahrplänen in Echtzeit aus.
(Bild: TÜV Rheinland)
Stadt, Land, Frust: Zwei von drei Bürgern finden ihren Wohnort nicht digital. Die Bürger hingegen wünschen sich digitale Services in allen Lebensbereichen. Das sind die wesentlichen Erkenntnisse einer Umfrage des Digitalverbandes Bitkom vom November 2018.
Der "Smart City Readiness Check" kommt zu einem ähnlichen Befund. In die Umfrage des Innovators Club des Deutschen Städte- und Gemeindebundes und des TÜV Rheinland wurden die 500 größten Städte und Kommunen in Deutschland einbezogen. Mehr als jede fünfte der 500 Kommunen nahm im Zeitraum von Ende Juli bis Ende September 2018 an der Befragung zu den Schwerpunktthemen digitale Infrastruktur, eGovernance, Mobilität und Energie teil.
Fazit: Städte und Gemeinden in Deutschland haben beim Umbau zu digitalen Städten und Regionen noch einen weiten Weg vor sich. Zugleich nutzen viele Kommunen die staatlichen Fördermöglichkeiten für den Ausbau im Bereich der Digitalisierung nicht konsequent genug. Trotzdem seien Tendenzen zu einer Verbesserung der digitalen Angebote zu erkennen, wenn auch noch nicht flächendeckend, heißt es in der Studie.
Digitale Infrastruktur entscheidet über Standortattraktivität
Programme für den Breitbandausbau, öffentliches WLAN, digitale Dokumentation der Infrastruktur für Telekommunikation: Kommunen in Deutschland haben viele Möglichkeiten, den Ausbau ihrer Netzinfrastruktur und somit die Verbesserung der Lebens- und Aufenthaltsqualität zu fördern. Dennoch gibt fast jede fünfte Stadt oder Gemeinde an, über keine flächendeckende Versorgung mit einer leistungsstarken Breitbandinfrastruktur zu verfügen. Immerhin wird in mehr als 80 Prozent der Kommunen bei Baumaßnahmen eine Leerrohrinfrastruktur mit aufgebaut.
Rund 70 Prozent aller befragten Städte und Gemeinden planen derzeit neue Glasfaseranschlüsse bis ins Gebäude (FTTB – Fiber to the Building), vielerorts findet auch ein Ausbau auf Basis der Vectoring-Technologie statt. Ein weiteres Ergebnis der Studie: Mehr als jede dritte Kommune gibt an, nicht an bundesweiten Programmen teilzunehmen, die den Breitbandausbau fördern.
„Wenn eine Kommune die Fördergelder nicht abruft, ist möglicherweise das Förderverfahren zu kompliziert. Dabei zahlen sich Investitionen in die digitale Infrastruktur auf die Dauer aus“, sagt Gürkan Ünlü, Leiter der Geschäftsentwicklung bei der TÜV Rheinland Consulting sowie Leiter des Corporate Center of Excellence Data Analytics bei der TÜV Rheinland AG. „Schließlich entscheidet eine gute digitale Infrastruktur aus Sicht der Bürgerinnen und Bürger und Unternehmen immer häufiger darüber, wie attraktiv ein Standort ist.“
Analog zum schleppenden Breitbandausbau gibt es derzeit in einem Großteil der an der Umfrage beteiligten Kommunen auch kein flächendeckendes öffentliches WLAN. Bei der Umsetzung von Smart-City-Infrastrukturen genießen die eigenen Stadtwerke bei den Kommunen mit Abstand das größte Vertrauen.
Mehr als 80 Prozent der befragten Städte und Gemeinden geben an, die Stadtwerke mit dieser Aufgabe betrauen zu wollen, während internationale Dienstleister nur für jede fünfte Kommune für diese Aufgabe in Frage kommen. Dazu TÜV-Rheinland-Experte Ünlü: „Nur knapp die Hälfte aller an der Umfrage teilnehmenden Kommunen gibt an, über Hochleistungsnetze mit Versorgungsgeschwindigkeiten von mehr als 50 Mbit/s zu verfügen. Diese bilden die Basis für einen flächendeckenden Ausbau des neuen Mobilfunkstandards 5G. Wenn der Ausbau der Infrastruktur nicht in dem Maße vorangetrieben wird, wie es benötigt wird, laufen die Städte und Kommunen Gefahr, digital abgehängt zu werden. Das ist aus unserer Sicht ein Risiko auch für das Wirtschaftswachstum in einer Region.“
eGovernance: das fast unbekannte Wesen
Fast drei Viertel der Bundesbürger würden gerne mehr Behördengänge online abwickeln, so eine Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Civey. Doch damit tun sich die Städte und Gemeinden derzeit noch schwer. Knapp 30 Prozent der Befragten geben laut Smart City Readiness Check an, dass die eigene Kommune wenig oder keine Dienstleistungen als Service für Bürgerinnen und Bürger – die Beantragung von Reisepass, Personalausweis oder Anwohnerparkausweis – online anbietet.
Besonders Kommunen mit weniger als 50.000 Einwohnern gehen derzeit nur recht eingeschränkt auf die digitalen Bedürfnisse ihrer Bewohner ein. Mehr als die Hälfte der kleineren Kommunen bietet wenig oder gar keine gewerblichen Services online an. Einen Gewerbeschein können Unternehmen beispielsweise erst in gut 15 Prozent der kleineren Kommunen online beantragen.
Stand: 08.12.2025
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