Künstliche Intelligenz „Der Wettbewerbsvorteil deutscher Unternehmen läuft ab“

Von Sariana Kunze 6 min Lesedauer

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Vom Zerspanungsmechaniker zum KI-Unternehmer: Julian Ziebarth erklärt, warum der deutsche Mittelstand jetzt handeln muss – und weshalb der Wettbewerbsvorteil vieler Unternehmen ohne künstliche Intelligenz schwindet.

Julian Ziebarth ist Geschäftsführer von Ziebarth Industrial Technologies sowie KI-Strategieberater für die Industrie. Als ehemaliger Betriebsleiter im Formenbau kennt er die industrielle Wertschöpfung aus der Praxis.(Bild:  Ziebarth Industrial Technologies)
Julian Ziebarth ist Geschäftsführer von Ziebarth Industrial Technologies sowie KI-Strategieberater für die Industrie. Als ehemaliger Betriebsleiter im Formenbau kennt er die industrielle Wertschöpfung aus der Praxis.
(Bild: Ziebarth Industrial Technologies)

Industrial Explorer: Julian, warum ist künstliche Intelligenz dein Steckenpferd?

Julian Ziebarth: Ich bin schon früh in meinem Berufsleben über Probleme gestolpert, für die ich eine Lösung finden wollte. Als gelernter Zerspanungsmechaniker war ich mehr als zehn Jahre im Maschinenbau tätig, zuletzt als Betriebsleiter eines Form- und Werkzeugbauers. Mich hat immer beschäftigt, wie sich Prozesse effizienter gestalten lassen. Ein Beispiel ist das manuelle Polieren von Kavitäten im Formenbau. Damals habe ich mir zu Hause zwei Roboterarme aus Pappe mit Motoren gebaut und ein System programmiert, das menschliche Bewegungen nachahmen konnte. Im Jahr 2016 entwickelte ich ein eigenes System zur Arbeits- und Produktionsplanung – damals noch auf Basis klassischer Automatisierung. Im Jahr 2019 habe ich mich dann gefragt, wie kann man eigentlich künstliche Intelligenz in ein Unternehmen hereinbringen? Nach intensiver Recherche wurde jedoch schnell klar: Praktisch alle verfügbaren Lösungen stammten aus Forschungsprojekten und waren für Unternehmen mit 50 Mitarbeitenden wirtschaftlich nicht umsetzbar. Gleichzeitig habe ich als Betriebsleiter täglich erlebt, wie groß der Bedarf war. Das Thema hat mich nicht losgelassen. Im Jahr 2021 habe ich dann ein Unternehmen gegründet und KI-basierten Wissenssysteme aufgebaut, heute nennt man das RAG-Systeme. Wir haben Gesprächsanalysen im Kundenservice von Maschinen- und Anlagenbauern aufgebaut. Ich bin also von der Markt- bzw. Kundenseite zur künstlichen Intelligenz gekommen und nicht von der Technologieseite – und damit vor dem KI-Hype begonnen.

Das heißt, du warst ein Early Bird beim Thema KI …

Als es mit dem Hype losging, hat jeder gesagt, jetzt boomt das Geschäft bei euch. Das war aber gar nicht so, alle wollten sich nur informieren. Die Unternehmen waren verunsichert und haben kaum gekauft. Zudem wurden viele neue Unternehmen auf den Markt gespült. Es war für uns also gar nicht so gut. Der Beratungsbedarf ist aber enorm gestiegen und so bin ich zur Beratung gekommen.

Ich bin überzeugt, dass die Mitte das neue Unten sein wird.

Julian, du sagst, der Wettbewerbsvorteil deutscher Unternehmen hat ein Ablaufdatum …

Der deutsche Maschinenbau gehört zu den Urvätern der Maschinenoptimierung. Aber: Beim Thema Wissensarbeit sieht es anders aus, da sind wir unterirdisch unterwegs. Sprachmodelle helfen hier extrem diese Prozesse in den Griff zu bekommen. Das haben die oberen 10 Prozent, die schon Marktführer sind oder eine starke Marktposition haben, verstanden. Sie erfinden sich immer wieder neu – ganz besonders im KI-Zeitalter. Sie investieren, damit sie ihren Wettbewerbsvorteil erhalten können. Dann gibt es die Unternehmen, die weit unten in der Nahrungskette stehen. Ihre Märkte sind weggebrochen oder sie haben über Jahrzehnte ihr Unternehmen abgelebt. Diese investieren auch überproportional viele in KI, weil sie wissen, es ist ihre letzte Chance. Alle dazwischen, also so 60 bis 70 Prozent der Unternehmen, trauen sich nicht oder glauben, sie können so weitermachen. Ich bin überzeugt, dass die Mitte das neue Unten sein wird. Das sind meist die Unternehmen in einer Größe von 500 bis 5.000 Mitarbeitenden.

Hast du dafür ein Beispiel?

Ich stehe mit einem Geschäftsführer eines marktführenden Sondermaschinenbauers im Austausch, der den Markt in China ganz genau beobachtet. Er sagt, die chinesischen Maschinen sind günstiger, qualitativ besser und die Aufstellzeit fünf Mal schneller als seine. Das Einzige, was ihm noch bleibt, ist das Wissen. Der Sondermaschinenbauer kann nicht nur die Maschine, sondern auch die Verpackungen designen und Produktrezepturen entwickeln – sie haben das Wissen über die ganze Wertschöpfungskette. Da sehe ich ein großes Asset, dieses Wissen mittels KI zu monetarisieren.

Also liegt es größtenteils am Selbstbild der Unternehmen?

Ja und nein. Aktuell stellen auch die Softwarehersteller ein Problem in der Automation von Industrieunternehmen dar, weil sie den Unternehmen nicht ermöglichen, KI zu integrieren bzw. mit KI zu interagieren. Die Unternehmen haben einen großen Druck ihre Prozesse zu verändern, aber die Software lässt das nicht zu. Wir haben viele Kunden, die sagen, dann muss die Software weg.

Und: Womit fangen die Unternehmen meist an?

Die meisten starten ein Projekt in Vertrieb und Marketing., denn Sie können und müssen mehr verkaufen. Heißt: Marketingkanäle, Vertriebsansprachen, Leadresearch und Vertriebssequenzen mit künstlicher Intelligenz zu automatisieren.

Wie führt ein Unternehmen KI richtig ein?

Ziel ist ein KI-natives Unternehmen. Hierfür müssen Unternehmen sich mit ihren Wertströmen beschäftigen. Das heißt auch, das künstliche Intelligenz von oben als System hereingegeben werden sollte. Man baut also ein System, das den Wunschprozess abbildet – unabhängig von Personen. Das ist von der Produktivität und vom Return on Invest der beste Weg. Aber zuerst braucht man das Vertrauen der Menschen.

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Was sind die größten Stolpersteine?

Meiner Erfahrung nach beschäftigen sich viele mit Cases, die keinen Return on Invest abwerfen können. Unternehmen haben am Anfang des KI-Hypes Firmen-GPTs entwickelt. So ein RAG-System kostet einiges, realistisch gesehen werden nur einzelne Personen schneller, aber man wird nicht mehr verkaufen und spart auch keine Personalkosten ein. Viele verschenken damit das Vertrauen in KI. Es ist also kein technologisches Problem.

Welche Branchen sind aktuell besonders offen für das Thema KI?

Wir bekommen viel Zulauf aus den Branchen Druck und Verpackung. Die Unternehmen kämpfen ums Überleben, die Branche konsolidiert immer mehr. Sie haben jahrelang nur in Maschinenautomation investiert, merken aber den Fachkräftemangel. Druckkalkulation ist ein komplexes Thema. Beispielsweise hat ein Kunde von uns mit 90 Mitarbeitenden, sieben Personen im Vertrieb, von den sieben gehen in den nächsten eineinhalb Jahren vier in Rente. Wenn sie das nicht in den Griff bekommen, kann der Kunde die halbe Produktion schließen. Vor dieser Herausforderung stehen viele.

Kannst du vielleicht Usecases beschreiben, wo KI Industrieunternehmen einen echten Mehrwert gebracht hat?

Im Maschinenbau gibt es große Potenziale bei der Angebotserstellung und auch im Kundenservice. Da fällt mir ein Kunde aus der Zerspanungstechnik ein. Der hatte 25 Mitarbeitende im Kundenservice sitzen. Das kostet richtig Geld, zusätzlich wird kein großes Geld verdient. So wie ich das erlebt habe, waren dort Monteure 40 bis 50+ beschäftigt, die keine Lust mehr hatten rauszufahren, aber das komplette Wissen über die Maschinenprobleme haben. Hier haben wir Wissensdatenbanken aus den Telefongesprächen aufgebaut und direkt nach den Telefonaten ein Serviceticketund ein Eintrag in die Wissensdatenbank erstellt.

Was sind deiner Meinung nach die wichtigsten KI-Trends?

Das Größte, was man aktuell machen kann, sind KI-Betriebssysteme. Viele Unternehmen haben dafür bereits das Wissen, müssen allerdings ein Mal gezeigt bekommen, wie man es aufbaut. Damit gelingt ein KI-natives Unternehmen. Das nächste große Ding sind die Industry Models, das wird die Zukunft der Sprachmodell. Sie werden die Arbeit mit KI stark verändern.

Laut einer aktuellen Sinus-Studie machen sich 27 Prozent der berufstätigen 18- bis 29-Jährigen Sorgen, dass ihr Job in den nächsten Jahren durch KI ersetzt wird. Wie siehst du das Thema Angst vor Arbeitsplatzverlust durch KI?

Ich glaube, dass es noch viel mehr als nur 27 Prozent sind, die sich Sorgen machen müssen. Die Berufsanfänger sowie die Bildungssysteme sollten sich auf den Wandel vorbereiten. Es geht schon los, dass die Juniorlevels wegfallen. Also wäre es aus meiner Sicht richtig, zu lernen, wie man KI-Systeme aufbaut, die die Aufgaben gewisser Berufsbilder erfüllen. Dies betrifft nicht nur Berufseinsteiger, denn der Vorsprung durch Fachwissen schwindet.

KI hackt KI. Was denkst du über das schiefgegangene Experiment von Open AI?

(Schmunzelt) Ich bin mir nicht sicher, was meine Meinung dazu ist. Dass das technologisch möglich ist, war zu erwarten. Also ein Geschäftskontakt von mir hat sogar spekuliert, dass es vielleicht eine geschickte Marketingaktion sein könnte. Je mehr ich darüber nachdenke, finde ich es schon auffällig, dass im gleichen Atemzug dann von einer neuen Cybersecurity Alliance gesprochen wird. Hat was von Marlboro, die ein Anti-Raucher-Programm aufbauen.

Vielen Dank für das Gespräch, Julian.

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