Studie der TU WienAutomatisiertes Fahren verändert die Städte
Von
Jürgen Schreier
3 min Lesedauer
Eine Studie der Technischen Universität Wien liefert neue Erkenntnisse über Risiken und Gestaltungsmöglichkeiten des automatisierten Verkehrs. Fazit: Das automatisierte Fahren bringt nur dann Vorteile, wenn die autonomen Autos geteilt (geshared) werden und so den ÖPNV erweitern.
Der Aspekt des autonomen Fahrens muss auch in der Stadtplanung Berücksichtigung finden. finden.
(Bild: next-mobility)
Automatisierte und vernetzte Fahrzeuge sind Hoffnungsträger für Politik und Wirtschaft: Sie sollen den Verkehr in Zukunft sicherer und effizienter machen und so einen Beitrag zur Verkehrswende leisten. Diese Hoffnung wird allerdings nur unter ganz bestimmten Voraussetzungen in Erfüllung gehen, wie eine umfangreiche Studie der Technischen Universität Wien zeigt.
Lediglich wenn automatisierte Fahrzeuge als Erweiterung des bestehenden öffentlichen Verkehrs eingesetzt werden, also Fahrzeuge und Fahrten geteilt werden, kommt es zu einer Reduktion des Verkehrs. Andernfalls nimmt das Verkehrsaufkommen zu – und zwar erheblich.
Stadtentwickler müssen sich mit dem Thema auseinandersetzen
Die bislang umfangreichste Studie, die sich mit dieser Fragestellung aus interdisziplinärer Perspektive befasst, ist soeben als Buch „AVENUE21. Automatisierter und vernetzter Verkehr: Entwicklungen des urbanen Europa“ im Verlag Springer Vieweg als Open-Access-Publikation erschienen. Das Forschungsprojekt AVENUE21 und die Buchpublikation wurden von der Daimler und Benz Stiftung gefördert.
„Es ist dringend notwendig, dass sich alle, die an der Entwicklung europäischer Städte beteiligt sind, mit dem Thema ‚Automatisierte Fahrsysteme‘ auseinandersetzen“, sagt Mitherausgeber Prof. Rudolf Scheuvens, Dekan der Fakultät Architektur und Raumplanung. „Deshalb war es uns und der Stiftung auch besonders wichtig, dass unsere Untersuchung der Öffentlichkeit und allen Stakeholdern uneingeschränkt und kostenlos zur Verfügung steht und für einen offenen Diskurs als Grundlage dienen kann.“
Die Straße ist nicht allein Verkehrsraum, sondern auch Lebensraum
Angesichts der globalen Klimakrise und des Ziels, lebenswerte Städte zu schaffen, könne es sich unsere Gesellschaft schlichtweg nicht leisten, eine Technologie zuzulassen, die zusätzliches Verkehrsaufkommen generiere. Es gebe zahlreiche verkehrs- und siedlungspolitische Probleme, die angesprochen werden müssten, um eine gezielte und menschengerechte Stadtentwicklung zu ermöglichen.
Die Studie ist als Open-Access-Publikation erschienen. Es gibt aber eine Buch-Version.
(Bild: Springer Vieweg)
Das Wissenschaftler-Team der TU Wien, das mehr als zwei Jahre in dem Forschungsprojekt arbeitete, vertritt die Ansicht, dass in den kommenden Jahrzehnten die technologischen Einschränkungen automatisierter Fahrzeuge eine neue Ungleichheit verursachen könnten. Diese entsteht durch die Heterogenität und oftmals hohe Komplexität des Straßennetzes in europäischen Städten.
„Es klingt paradox, aber unser Buch ist die erste Studie, die umfangreich Wirkungen und Potenziale von automatisierten und vernetzten Fahrzeugen untersucht und dabei die Straße nicht allein als Verkehrsraum, sondern auch als Lebensraum betrachtet. Deswegen kommen wir auch vielfach zu anderen Ergebnissen als Studien, die die Straße allein auf ihre Transportfunktion reduziert haben“, so Scheuvens.
Autobahnen und Gewerbestraßen problemlos automatisiert zu befahren
Autobahnen, Industrie- oder Gewerbestraßen könnten relativ schnell automatisiert befahren werden. Aber Straßen, die durch Gastgärten, anliegende Parks oder Schulen belebt sind, lassen sich, so das Forscher-Team, langfristig nicht automatisiert befahren. Automatisierte Services würden deswegen sowohl im Güter- als auch im Personenverkehr nur für ausgewählte Personen und Betriebe zur Verfügung stehen.
Dieser Zustand muss seitens Politik und Planung anerkannt und bestehende Hoffnungen müssen relativiert werden. Die Forschenden kommen zum Schluss, dass – unabhängig von der technologischen Machbarkeit – die meisten negativen Effekte von automatisierten Fahrzeugen nur dann vermieden werden können, wenn ausschließlich bestimmte Straßenzüge für deren Einsatz geöffnet würden. Diese und weitere Weichenstellungen verlangen schon heute gezieltes und entschiedenes Handeln.
Stand: 08.12.2025
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„Die Publikation ‚AVENUE21. Automatisierter und vernetzter Verkehr: Entwicklungen des urbanen Europa‘ fasst wesentliche Erkenntnisse praxisnah zusammen. Wir erörtern im Buch, welche Fragen der Stadt- und Mobilitätsentwicklung in den nächsten fünf bis zehn Jahren beantwortet werden müssen. Gezielt eingesetzt, können automatisierte Fahrzeuge hochqualitative Mobilitätsservices in Gebieten ermöglichen, in denen der klassische öffentliche Nahverkehr scheitert“, resümiert Dr. Mathias Mitteregger, Koordinator des Forschungsprojekts.