Verteilungseffekte der AutomatisierungVerstärkt Industrie 4.0 die gesellschaftliche Ungleichheit?
Von
Jürgen Schreier
6 min Lesedauer
Industrie 4.0 bietet Chancen - aber nur Hochqualifizierten. Geringqualifizierte müssen dagegen mit weiterem Lohndruck und steigender Arbeitslosigkeit rechnen. Eine "Robotersteuer" dürfte diesen Trend aber kaum bremsen.
Geringqualifizierte werden durch die Automatisierung immer mehr abhängt. Die Einkommensschere zwischen den Hochqualifizierten und den Geringqualifizierten klafft immer weiter auseinander, die Arbeitslosigkeit bei den Geringqualifizierten nimmt zu.
"Der große Umverteiler ist wieder da" titelt FAZ.NET und spielt damit auf das neue Buch des französischen Wirtschaftswissenschaftlers Thomas Piketty an. Dieser hatte vor einigen Jahren mit seiner Abhandlung " Das Kapital im 21. Jahrhundert" nicht nur in der Fachwelt für Furore gesorgt.
In „Kapital und Ideologie“ wendet sich der Ökonomie-Professor - er forscht und lehrt an der Paris School of Economics (PSE) und der École des Hautes Études en Sciences Sociales - entschieden gegen die Vorstellung, Ungleichheit sei eine notwendige Erscheinung wirtschaftlichen Erfolgs in einer auf privatem Eigentum beruhenden Gesellschaft. Vielmehr sei es der Kampf für Gleichheit und Bildung gewesen, der die Wirtschaftsentwicklung und den menschlichen Fortschritt möglich gemacht habe und nicht die "Heiligsprechung von Eigentum, Stabilität und Ungleichheit" - so seine These.
Industrie 4.0 weckt Hoffnungen, aber auch Ängste
Vor dem Hintergrund einer aktuellen Modellrechnung, die von Ökonomen der Universitäten Hohenheim und Göttingen durchgeführt wurde, kommt das Buch von Piketty zur rechten Zeit. Schließlich werde die Automatisierung (Industrie 4.0) künftig zu mehr wirtschaftlicher und sozialer Ungleichheit führen, lautet das Fazit der Wissenschaftler. Zu spüren bekämen das vor allem die Menschen mit geringer Qualifikation. Auch die Arbeitslosigkeit wird laut Modellrechnung bei diesen Beschäftigten langfristig gesehen steigen.
Was aber noch bemerkenswerter ist: Fiskalische Instrumente, die immer immer wieder vorgeschlagen werden, um diesem Trend entgegen zu steuern, greifen nicht. Das gilt insbesondere für die vieldiskutierte Robotersteuer.
Das Thema Industrie 4.0 weckt Hoffnungen, aber auch Ängste. „Viele Menschen befürchten zum Beispiel, dass Industrieroboter Arbeitsplätze wegnehmen könnten“, weiß Prof. Dr. Klaus Prettner, Wirtschaftswissenschaftler an der Universität Hohenheim. „Ob das tatsächlich zutrifft und wie sich Maßnahmen der Politik auswirken können, darüber geben uns Modellrechnungen klarere Einsichten.“
Wachstumsmodelle aus den 1990er-Jahren modernisiert
Um Wirtschaftswachstum und langfristige Entwicklungen zu erklären, verwenden die Forscher Rechenmodelle, in die sie Eckdaten einspeisen. Wenn sie wissen wollen wie sich Maßnahmen oder Änderungen auswirken, ändern sie die entsprechenden Parameter in ihrem Modell – und können so einen Blick in die Zukunft werfen. „Die Basis-Modelle sind allerdings in den 1990er Jahren entstanden – und da steckte die Automatisierung noch in den Kinderschuhen“, gibt Prettner zu bedenken. „Daher haben wir die Automatisierung nun in diese Wachstumsmodelle eingebaut.“
Das heißt, dass es nicht wie bisher im Modell nur Maschinen und Arbeitskräfte gibt, welche in einem relativ starken Ausmaß komplementär sind, sondern jetzt auch die Automatisierung als Substitut für Arbeit mit eingerechnet wird.
„Außerdem haben wir Bildungsentscheidungen modelliert, welche bisher vernachlässigt waren“, erläutert Prettner. „Ob man sich für eine Hochschulausbildung entscheidet oder nicht, hängt beispielsweise vom künftigen Einkommen ab. Doch ob man sich für ein Hochschulstudium entscheidet, hängt auch von der Intelligenz einer Person ab – je höher sie ist, desto geringer ist der eigene Aufwand für ein Studium, so dass man sich eher dafür entscheidet.“
Geringqualifizierte werden abgehängt
Als Ergebnis sagt das modifizierte Modell voraus, dass die Automatisierung zu einem steigenden Anteil an Hochschulabsolventen führt. „Sie zwingt gewissermaßen die klügeren Köpfe, mehr in ihre eigene Bildung zu investieren“, erläutert der Professor an der Universität Hohenheim. „Die anderen werden so jedoch immer mehr abgehängt. Dadurch klafft die Einkommensschere zwischen den Hochqualifizierten und den gering Qualifizierten immer weiter auseinander, und die Arbeitslosigkeit bei Geringqualifizierten nimmt zu.“
Um zu testen wie sich wirtschaftspolitische Gegenmaßnahmen auswirken, haben die Forscher auch eine Robotersteuer sowie eine progressive Einkommenssteuer in ihr Modell eingebaut, und berechnet was geschieht, wenn man mit den Steuereinnahmen unterschiedliche Maßnahmen finanziert.
Stand: 08.12.2025
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„Betrachtet haben wir eine direkte Umverteilung an jene Menschen mit niedrigem Einkommen und eine Bildungssubvention“, so Prettner. „Die Ergebnisse zeigen Wirkungen dieser Maßnahmen, die man nicht erwarten würde.“
Robotersteuer senkt Innovationsbereitschaft der Unternehmen
Ein Beispiel: Eine Robotersteuer senkt die Innovationsbereitschaft in den Unternehmen. Dadurch sinken die Löhne der Hochqualifizierten im Vergleich zum Basisszenario, was wiederum die Investition in eine Hochschulausbildung uninteressanter macht. Zudem gibt es mehr Konkurrenz um die Arbeitsplätze für Geringqualifizierte. Das übt Druck auf die Löhne dieser Personengruppe aus, wobei parallel dazu deren Arbeitslosigkeitsrisiko zunimmt. „Mit einer Robotersteuer kann man Ungleichheit daher weniger wirksam bekämpfen als bisher gedacht“, fasst Prettner zusammen.
Durch eine Bildungssubvention wiederum lässt sich zwar der durchschnittliche Lohn steigern, sie führt jedoch zu höherer Ungleichheit: „Sie wird von den Steuern aller bezahlt, es profitieren jedoch nur die gut Ausgebildeten.“ Somit zeige das Modell, dass einfache Lösungen nicht immer zu den gewünschten Effekten führten. Professor Prettner: „Alle Politikmaßnahmen sollte man vorab genau überlegen und modellbasiert betrachten.“
Seit 2005 ist die Einkommensungleichheit relativ konstant
Die Studie "IW-Verteilungsreport 2020 – Stabile Verhältnisse trotz gewachsener gesellschaftlicher Herausforderungen" wertet wichtige Indikatoren zur Verteilung von Einkommen und Vermögen aus und kommt dabei zu Ergebnissen, die in der öffentlichen Diskussion bisher kaum wahrgenommen werden. Datenbasis bilden die Haushaltsbefragung Sozio-oekonomisches Panel (SOEP), der Mikrozensus, die Einkommens- und Verbrauchsstichprobe (EVS) sowie die EU-Befragung EU-SILC. Die Ergebnisse im Überblick:
1. Verfügbares Haushaltseinkommen: Das verfügbare Haushaltseinkommen ist das Geld, das tatsächlich jeden Monat ausgegeben werden kann, also der Betrag, der nach staatlicher Umverteilung auf dem Konto ist. Im Schnitt haben die Deutschen inzwischen ein deutlich höheres Haushaltseinkommen zur Verfügung als noch vor einigen Jahren. Zwischen 1991 und 2017 sind die realen Haushaltseinkommen im Durchschnitt um 20 Prozent gestiegen, spätestens seit 2013 profitieren so gut wie alle Einkommensschichten davon.
2. Verteilung der verfügbaren Haushaltseinkommen: Das allgemeine Ungleichheitsniveau wird mit dem sogenannten Gini-Koeffizienten gemessen, der in der Regel Werte zwischen null und eins annehmen kann. Ein Wert von null bedeutet, dass alle gleich viel besitzen, bei einem Wert von eins besitzt einer alles und die anderen nichts. Seit dem Jahr 2005 ist die Ungleichheit der Einkommen relativ konstant bei vergleichsweise geringen 0,29 Punkten– und das, obwohl die Zuwanderung von Geflüchteten sich in den Daten bereits widerspiegelt.
3. Nettovermögen: Unter Nettovermögen verstehen Wissenschaftler das tatsächliche Vermögen, also den Wert von Häusern, Autos oder Aktien abzüglich aller Schulden und Hypotheken. Die Verteilung der Nettovermögen ist in Deutschland seit Mitte der 2000er-Jahre stabil. Im Schnitt besaßen die Deutschen im Jahr 2017 rund 233.000 Euro Nettovermögen. Der Haushalt, der in der Mitte der Vermögensverteilung stand, kam auf ein Nettovermögen von 70.800 Euro.
4. Einkommensmobilität: Gelingt es jemandem, sein Einkommen im Laufe der Zeit stärker zu steigern als andere, ist der soziale Aufstieg gelungen. Zwischen 2009 und 2017 haben rund 60 Prozent der Deutschen aus der untersten Einkommensgruppe den Aufstieg nach oben geschafft. Damit waren es mehr als noch kurz nach der Wende, wobei sich diese positive Entwicklung vor allem im Westen widerspiegelt.
Insgesamt zeigt sich, dass es den Deutschen in der Mehrheit inzwischen deutlich besser geht als noch vor einigen Jahren. "Seit dem Jahr 2013 beobachten wir relativ große Einkommenszuwächse, gerade im unteren und mittleren Bereich", sagt IW-Verteilungsexperte und Studienautor Maximilian Stockhausen. "Das ist besonders erfreulich, da dies zur weiteren Stabilisierung der Verteilung beigetragen hat."
Doch gibt es nach wie vor Handlungsbedarf: 16 Prozent sind von relativer Einkommensarmut bedroht, haben also weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens zur Verfügung. Der Wert hat sich in den vergangenen Jahren kaum mehr verändert.