Ein philosophischer Seitenblick
Mensch, Maschine, Muße: Arbeit und Digitalisierung

Von Jürgen Schreier 7 min Lesedauer

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Prof. Dr. Ruth Hagengruber, Wirtschaftsphilosophin an der Universität Paderborn, erklärt, wie sich der unser Begriff von Arbeit wandelt, welche neuen Tätigkeiten im Zuge der Digitalisierung der Arbeit entstehen können und wo sich der Mensch darin einordnen wird.

Prof. Dr. Ruth Hagengruber lehrt Philosophie an der kulturwissenschaftlichen Fakultät der Universität Paderborn. 2006 gründete sie den Lehr- und Forschungsbereich Philosophy and Computing, der sich unter anderem den sozialen und ethischen Aspekten der Künstlichen Intelligenz-Forschung widmet. Ruth Hagengruber wurde 2011 zum Lifetime Member der International Association of Computing and Philosophy I-ACAP gewählt; seit 2012 ist sie Member of Advisory Board, Munich Center for Technology in Society der TU München.  (Bild:  Universität Paderborn)
Prof. Dr. Ruth Hagengruber lehrt Philosophie an der kulturwissenschaftlichen Fakultät der Universität Paderborn. 2006 gründete sie den Lehr- und Forschungsbereich Philosophy and Computing, der sich unter anderem den sozialen und ethischen Aspekten der Künstlichen Intelligenz-Forschung widmet. Ruth Hagengruber wurde 2011 zum Lifetime Member der International Association of Computing and Philosophy I-ACAP gewählt; seit 2012 ist sie Member of Advisory Board, Munich Center for Technology in Society der TU München.
(Bild: Universität Paderborn)

Digitale Technologien übernehmen immer mehr Aufgaben, um die sich früher noch Menschen gekümmert haben. Wie ist es aus philosophischer Sicht zu beurteilen, dass Maschinen immer mehr von diesen Aufgaben übernehmen? Wird der Mensch irgendwann entbehrlich?

Hagengruber: Über industrielle bzw. automatisierte Prozesse wird der Mensch kontinuierlich entlastet. Er erfindet Technologien gerade zu diesem Zweck. Der Mensch denkt sich über die Arbeit hinaus! Sie ist ihm lästig, weil sie nur dazu da ist, das Unvermeidliche zu besorgen, damit er sich selbst erhalten kann. Wie Aristoteles feststellte, ist der Mensch für die Muße gemacht. Die Menschen möchten das Leben genießen, sie werden erfinderisch, um ihre Arbeit und die Besorgungen zu vereinfachen. In diesem Problem zwischen knappen Ressourcen und der Liebe zur Nicht-Arbeit, steht der Mensch. Hier erfindet und stellt der Mensch her, um sein Leben einfacher zu gestalten – darauf hat die Philosophin Hannah Arendt schon hingewiesen. Selbst Karl Marx, der Theoretiker der Arbeit, bekannte, dass das eigentliche Ziel sei, von Arbeit frei zu werden, was ihm Hannah Arendt als inneren Widerspruch seiner Theorie nachweist. Vor allem der auf Marx folgende Sozialismus war daran interessiert, zum Wohl des Arbeiters Arbeit durch Technik effizienter, produktiver zu machen, um den Arbeitsaufwand zu minimieren. Der Mensch ist vom Wunsch geleitet, von Arbeit frei zu werden, um sich den Tätigkeiten zu widmen, die wir als die wirklich menschlichen Tätigkeiten ansehen. Das sind Tätigkeiten der Fantasie, der Bildung, der Kreativität. In diesem Sinne wird die maschinelle Arbeit die Arbeit des Menschen ersetzen, aber das ist rein quantitativ gedacht. Die qualitative und kreative Arbeit wird hingegen umso stärker zum Ausdruck kommen und gebraucht werden.