Digitalisierungsplattformen Europäische Digitalisierung – man muss sie nur wollen!

Von Ralf Steck 3 min Lesedauer

Der Aufbau deutscher beziehungsweise europäischer Plattformen ist die Basis für eine Digitalisierung, die wir selbst in der Hand haben. Das erfordert Anstrengung und Geduld, ist aber alternativlos.

Eine europäische Infrastruktur für Cloud und KI ist dringend erforderlich.(Bild:  KI-generiert)
Eine europäische Infrastruktur für Cloud und KI ist dringend erforderlich.
(Bild: KI-generiert)

Im letzten Jahr sprach bei der Fachkonferenz Digitalisierung Dr. Raphael Neuhaus vom VDMA über die Rolle von Digitalisierung und KI im Maschinen- und Anlagenbau. Von seinem spannenden Vortrag ist mir vor allem ein Fakt im Kopf geblieben: Der deutsche Maschinenbau ist Weltklasse in der Anwendung von KI.

Dabei hilft uns vor allem das langfristige Denken, das den Mittelstand mit seinen Familienunternehmen prägt. Da kommt vielleicht sogar die schwäbische Denke „Nichts wegwerfen, man kann alles noch mal gebrauchen“ zum Zug. Und genau deshalb haben viele Maschinenbauunternehmen den wichtigsten Rohstoff für KI: Einen großen, langjährig aufgebauten und mehr oder weniger sauber geführten Datenbestand.

Das große Problem in der aktuellen Weltlage ist allerdings die Abhängigkeit der deutschen und der europäischen Wirtschaft insgesamt im Bereich der Werkzeuge, also der Cloud- und KI-Plattformen, auf denen diese Daten verarbeitet werden. In Zeiten, in der die Lenker der US-High-Tech-Konzerne eine Politik unterstützen, die in Deals und Abhängigkeiten denkt, ist das brandgefährlich. Nicht umsonst strebt Europa in allen Bereichen danach, die Abhängigkeiten von den USA zu verringern.

Abhängigkeiten können gefährlich werden

Nicht umsonst strebt Europa in allen Bereichen danach, die Abhängigkeiten von den USA zu verringern. Denn eine Anwendung europäischen Rechts auf die großen Tech-Unternehmen ist wohl die größte „Bazooka“, die Europa gegenüber den USA und Trumps Zollpolitik zur Verfügung steht. Würde man diese Bazooka aber abfeuern, könnte ein Abschneiden Europas von den US-Hyperscalern im Raum stehen. Dem gilt es vorzubeugen.

Diese Abhängigkeiten sind nicht gottgegeben, es gibt hier eine großartige Forschungslandschaft und viele – wenn auch zu wenige – Start-ups im KI-Bereich. Es gibt europäische Cloud-Anbieter, beispielsweise hat der CATIA- und SolidWorks-Hersteller Dassault Systèmes mit Outscale eine eigene Cloudarchitektur. Mit Gaia-X gab es sogar einen breiten europäischen Ansatz zu einer europäischen Cloudarchitektur, der allerdings mehr oder weniger gescheitert ist.

Gaia-X ist nach allem, was man liest, in die typische europäische Falle geraten: Statt „einfach mal machen“ wurde eine unglaubliche Bürokratie aufgebaut, in der zwar hervorragende Grundlagenarbeit geleistet wurde, aber eben wenig Konkretes herauskam. Der Eintritt der US-Hyperscaler ist wohl der Todesstoß für dieses Projekt, wie Frank Karlitschek, Chef und Gründer des Cloudanbieters Nextcloud, anlässlich des Austritts seines Unternehmens aus dem Gaia-X-Konsortium der „Wirtschaftswoche“ sagte: „Vom ursprünglichen Ziel, eine europäische Cloudalternative zu den amerikanischen Hyperscalern wie Amazon oder Microsoft auf die Beine zu stellen, ist heute nicht mehr die Rede. Darum haben wir uns entschieden, aus dem Projekt auszusteigen.“

Ins Tun kommen statt Normen zu entwickeln

Nun ist Gaia-X immer größer gedacht gewesen, als nur eine Cloudplattform zu entwickeln, aber das ist eben das Problem: Wir verlieren uns im Klein-klein der Normengremien, statt einfach mal was zu machen. Erst einmal eine deutsche oder besser europäische Cloud- und KI-Infrastruktur aufbauen und sich im zweiten Schritt um Interoperabilität mit dem Rest der Welt zu kümmern, ist der bessere Ansatz in einer Plattformökonomie. Hier gilt das „The winner takes it all“-Prinzip: Wer eine gewisse Größe erreicht, drückt seinen Standard als faktischen Standard durch. Wir müssen uns nur einigen, Europa ist ein riesiger Wirtschaftsraum.

Mit Catena-X in der Autoindustrie gibt es ja auch schon ein Beispiel, dass Digitalökonomie in Europa funktionieren kann. Erst gestern veröffentlichten wir auf Industrial Explorer eine Meldung zum Thema.

Unterstützung der Unternehmen ist entscheidend

Allerdings steht und fällt eine europäische Infrastruktur mit der Unterstützung der Unternehmen – und damit ist nicht die Mitarbeit in Gremien oder ein Sponsoring gemeint, sondern eine klare Perspektive zum Einsatz dieser Lösungen in den Unternehmen. Das erfordert einen langen Atem und meist ist es einfacher, auf vorhandene Lösungen wie Amazon AWS oder Microsoft Office 365 zu setzen. Aber es geht einfach nicht anders – diese Strukturen müssen erst mal aufgebaut werden.

Europa und Deutschland, Politik und Unternehmen haben alles, was es braucht: Forschung, Wissen, Fachleute und Ressourcen. Man muss nur mal anfangen.

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