Die Corona-Krise wirft bei Unternehmen zwei zentrale Fragen auf: Wie gehe ich mit der Krisensituation um? Welche Lehren für die Zukunft kann ich daraus ableiten? Die Erfahrungsberichte einiger Mitglieder des Industrie 4.0-Vereins „SEF Smart Electronic Factory“ unterstreichen die Relevanz durchgängiger prozessübergreifender Digitalisierung.
Siegfried Wagner, Geschäftsführer der in-integrierte informationssysteme GmbH und Pressesprecher des SEF Smart Electronic Factory e.V., setzt zum Vorantreiben der Digitalisierung verstärkt Förderprojekte in Konsortien auf die Agenda.
(Bild: Bjørn Jansen)
Digitale Prozesse rücken aktuell mehr denn je in den Fokus und sind für die Aufrechterhaltung des Betriebs vieler Unternehmen zwingend notwendig. Die neuen Maßgaben treffen viele Betriebe unerwartet und unvorbereitet, wie eine Studie der Technische Hochschule Mittelhessen (THM), ein Mitglied im SEF Smart Electronic Factory e.V., schon im vergangenen Jahr unterstrich.
Die THM hat 2019 in ihrem Forschungsprojekt „Stand der Digitalisierung von Geschäftsmodellen zu Industrie 4.0 im Mittelstand“ Erkenntnisse bezüglich des Einzugs digitaler Prozesse in Unternehmen erhoben. An der Umfrage beteiligten sich 107 mittelständische Unternehmen.
Die Studie zeigt, dass Geschäftsmodell-Erweiterungen hinsichtlich „Digitale Services“ im Mittelstand stark unterrepräsentiert sind. 43 Prozent der Befragten gaben an, dass Digitale Services zwar Bestandteil ihres Geschäftsmodells sind, der Umsatzanteil jedoch bei 0 Prozent liegt.
Allgemein wurden zahlreiche Hinderungsgründe für digitale Geschäftsmodell-Erweiterungen gesehen. Rund 56 Prozent der Befragten konstatierten, dass es in ihrem Unternehmen an entsprechendem Know-how mangelt, 52 Prozent beklagten fehlendes IT-Personal und 66 Prozent sahen die notwendigen Kapazitäten für die Umsetzung in ihrem Unternehmen nicht gegeben. Auch zu hohe Kosten der Umsetzung wurden mehrheitlich angeführt.
Viele SEF-Mitglieder auch in der Krise gut aufgestellt
Aktuell wird die Relevanz eines fortgeschrittenen Digitalisierungsgrades jedoch deutlich. Das Agieren über das Internet wurde in vielen Unternehmen schlagartig unverzichtbar. Bei einer Befragung im SEF-Verein zeigte sich, dass Unternehmen, die sich bereits vor der Krise strategisch und aktiv mit Digitalisierung beschäftigt hatten, leichter die Krisensituation bewältigen und ihre Wettbewerbsposition besser verteidigen oder sogar steigern konnten.
Der SEF Smart Electronic Factory e.V. betreibt mit seinen Mitgliedern aus Wirtschaft, Forschung und Wissenschaft in realen Fabriken umfassende Forschungs- und Entwicklungsumgebungen für Industrie 4.0-Anwendungen. Daraus resultierende Lösungen, Standards und Konzepte haben zum Ziel, Industrie 4.0 wirtschaftlich und nutzbringend in die Praxis zu bringen.
In unzähligen Unternehmen musste nach Corona-Beginn sofort auf mobiles Arbeiten umgestellt werden. Viele SEF-Mitglieder waren auf Grund bereits digitalisierter Prozesse und organisatorischer Regelungen gut vorbereitet, wie die aktuelle Umfrage unter knapp 30 Mitgliedern im Verein ergab.
Home Office und virtuelles Arbeiten gewinnen deutlich an Relevanz
Siegfried Wagner, Geschäftsführer der in-integrierte informationssysteme GmbH und Pressesprecher des SEF Smart Electronic Factory e.V., verzeichnet in seinem Unternehmen keine Einschränkungen im Bereich Softwareentwicklung und Kundenprojekte. Er sieht jedoch einen Wandel in den Arbeitsmethoden: „Die Arbeitsfähigkeit muss auch unter Krisenbedingungen jederzeit gegeben sein. In unserem Haus verändern sich daher die Prozesse nachhaltig. Die digitale Kommunikation wird noch stärker als bisher genutzt. Mobiles Arbeiten wird auf Dauer integraler Bestandteil der Arbeitswelt sein.“
Dr.-Ing. Ralf Schurer, Director E-Mobility der Dürr Systems AG, unterstreicht: „Die Einstellung in Unternehmen hinsichtlich mobilem Arbeiten wird sich nachhaltig verändern. Wir haben jetzt gesehen, dass viele Aufgaben über diese junge Arbeitsmethode ausgezeichnet bewältigt werden können.“
Digitalisierungsgrad beeinflusst Grad der Krisenbewältigung
Auch im Hause des SEF-Mitglieds proALPHA hat sich gezeigt, dass der Digitalisierungsgrad unmittelbare Auswirkung auf die Krisenbewältigung hat. Michael Finkler, Geschäftsführer bei proALPHA Business Solutions GmbH, sagt: „Wir sind bisher gut, sogar besser als erwartet, durch die Corona-bedingte Krise gekommen. Geholfen haben uns verschiedene Maßnahmen, besonders aber unsere bereits digitalisierten Prozesse. Bei unseren Kunden sind dadurch zudem vielfältige Potenziale sichtbar geworden.“
Heike Vocke, Geschäftsführerin der iSAX GmbH & Co. KG, attestiert ihrem Unternehmen ebenfalls eine positive Entwicklung und ein funktionierendes Projektgeschäft. Sie sieht jedoch allgemein Handlungsbedarf: „Die aktuelle Krise hat potenzielle Risikofelder für die Produktion schmerzhaft offengelegt. Betrachtet man die Abhängigkeit von einschlägigen Lieferketten oder die Probleme in der Logistik, die produzierende Unternehmen in den vergangenen Monaten stemmen mussten, zeigt sich, wie wichtig Digitalisierung für den Aufbau einer orts-, zeit- und ressourcenunabhängigen Arbeitsweise ist. Remote-Arbeit und der Einsatz von Werker-Assistenzsystemen gewinnen extrem an Bedeutung. Sie versetzen Unternehmen in die Lage, effizient zu arbeiten, ihren Kunden aber gleichzeitig alle Services in hoher Qualität zu bieten, und dabei nicht einmal direkt vor Ort sein zu müssen.“
Stand: 08.12.2025
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Bedeutung der effizienten Gestaltung interner Prozesse steigt
Heike Vocke beobachtet eine Verlagerung des Digitalisierungsschwerpunktes. Serviceprodukte spielen für produzierende Unternehmen weiterhin eine wichtige Rolle, jedoch hat die Corona-Krise die Bedeutung der effizienten Gestaltung interner Prozesse und Arbeitsweisen stark steigen lassen. Wichtige Handlungsfelder wie Systeme, Software, IT-Sicherheit und die digitale Lösungsarchitektur insgesamt müssen laut Heike Vocke zukunftssicher und durchgängig gestaltet sein, um sie langfristig nutzen und an Prozessveränderungen anpassen zu können.
An der Westsächsischen Hochschule Zwickau wurde die Lehre in der Krise komplett auf E-Learning umgestellt und die entsprechende Plattform massiv ausgebaut. Prof. Dr. Christoph Laroque sagt: „In meinem Forschungsteam sind Slack und Skype gängige Tools, insofern ist die Abstimmung von Team-runden und Einzelterminen problemlos. IT-Kräfte und Kollegen mit IT-Erfahrung leisten Hilfestellung bei den weniger technik-affinen Kollegen. In-zwischen laufen die meisten Veranstaltungen reibungslos.“
Digitale Begegnung vs. physische Zusammenkunft auf Messen & Co.
In Bezug auf Teilnahmen an physischen Veranstaltungen und Messen er-achtet Siegfried Wagner die digitale Begegnung als ernstzunehmende Option: „Gerade bei Trainings und Frontalvorträgen zur Wissensvermittlung ist die digitale Variante für mein Dafürhalten eine gute Alternative.“
Andreas von Hantelmann, Vice Director/Head of Production Electronics bei E.G.O., geht davon aus, dass die intensive Nutzung von Videokonferenzen nachhaltig die Besprechungskultur verändern wird: „Manche Events und Meetings können online mit geringerem Zeitaufwand und kostengünstiger durchgeführt werden. Den hohen Stellenwert von physischen Messen sehe ich in unserer Branche jedoch weiterhin gegeben.“
Prof. Dr. Christoph Laroque sagt: „Nach unserer Erfahrung laufen virtuelle Meetings zügiger als physische ab – bei absolut vergleichbarer Ergebnisqualität. Dazu sparen alle die Anreise. Nach meiner Einschätzung wird sich dauerhaft ein Mix aus virtuellen und physischen Treffen etablieren. In der Lehre werden verstärkt Online-Tools zum Einsatz kommen. Die Präsenzzeit vor Ort kann so für spannende Diskussionen verwendet werden.“
Formate für firmenübergreifende Innovations- und Förderprojekte
Siegfried Wagner setzt zum Vorantreiben der Digitalisierung verstärkt Förderprojekte in Konsortien auf die Agenda. Als Voraussetzung dafür sieht er die Beteiligung von Anwenderunternehmen, besonders dort, wo klassische Wertschöpfung durch Digitaliserung und Machine Learning Nutzen stiften.
Prof. Dr. Christoph Laroque sieht in seinem Bereich eine Kooperation mit den Hochschulen erforderlich: „Eine direkte Mittelweitergabe von Firmen in Form kleiner Aufträge an die Hochschule wäre sinnvoll. Bisher ist es bei uns gängig, an verschiedenen Anträgen auf Landes-, Bundes- und EU-Ebene mitzuschreiben. Die Vorteile der direkten Mittelweitergabe sind ein schnellerer Prozess, weniger Verwaltungskosten und Wegfall formaler Hürden.“
SEF digitalisiert künftig auf noch mehr Ebenen
Die SEF-Mitglieder stehen im ständigen Austausch, um sich bei der Krisenbewältigung zu unterstützen. Künftig werden ein „Digital Talk“ für konkrete Projektanforderungen, die Organisation digitaler Events sowie Best Practices weiter forciert. Inhaltliche aktuelle Fokusthemen des Vereins zielen u.a. auf nutzbringende Kombinationen von Digitalisierung und Machine Learning in realen Anwendungsbereichen und cloudbasierte Lösungen, die sich in der Krise bewährt haben und den digitalen Wandel unterstützen.